Unser Dorf soll schöner werden
April 5, 2008 by marcburth
Die einzelnen Symptome waren zunächst nur verwirrend: als durchschnittlich unorganisierter Prenzlauer Berger ist man gewohnt, sich um das Auseinanderhalten der Wochentage keine Gedanken machen zu müssen. Bislang hatte es keine Auswirkungen, wenn man am Sonntagmorgen feststellte, dass Sonntagmorgen ist , das Kind schreit und man keine Milch mehr im Kühlschrank hat. Dann ist man eben, wie ich neulich, um die Ecke zum Vietnamesen getapert und hat eingekauft - vor ca. 4 Wochen wäre ich dort aber im morgendlichen Tran beinahe gegen den heruntergelassenen Rolladen gedonnert. Es war ein Schock - man rechnet ja ständig mit allerhand, aber wirklich nicht damit dass der Vietnamese geschlossen hat. Ich habe herausgefunden, dass all die Spätkaufs, Kioske, was-immer-Läden, die bislang für die Feiertagsversorgung zuständig waren, dafür jetzt eine Lizenz beanatragen müssen und diese nur bekommen, wenn sie nachweisen können, dass sie Reisebedarf (?????) anbieten. Aha….
Jetzt hole ich die Milch also immer schon Samstag. Als ich vor zwei Tagen wieder mal beim nettten Vietnamesen vor der Kasse stand, merkte ich schon, dass er irgendwie abgelenkt war, Er schielte immer wieder auf ein Stück Papier, das er mir schließlich vor die Nase legte, mit der Bitte, ich möge ihm doch erklären was das solle, er verstehe es nicht, Deutsch lesen falle ihm eben schwer. Es war ein Aufruf an alle Gewerbetreibenden im Kiez, doch bitte die neue Marketingkampagne zu unterstützen, die die Schönhauser Allee zwischen U-Bahnof Eberswalder Straße und dem U-Bahnhof Schönhauser Allee zur “Flaniermeile”, also zum Vorzeigeviertel im Bezirk Pankow machen will. Ich habe mich bemüht, das dem netten Vietnamesen so zu vermitteln, worauf er mich skeptisch ansah: “Schönhauser Allee - schöner machen?” Ich nickte. Darauf er: “Schöner immer gut, oder?” Und genau da habe ich meine Zweifel, spätestens seit dann folgendes Schreiben vom Berzirksamt Pankow, Abteilung Öffentliche Ordnung, im Briefkasten lag: Sehr geehrte Anwohnerinnen und Anwohner, sehr geehrte Bürgerinnen und Bürger, in der Pappelallee wird seit Jahren quer auf dem Gehweg geparkt und dabei nicht selten mehr als Dreiviertel der Gehwegfläche in Anspruch genommen. Die 2 bis 3m breiten Gehwegplatten, die eigentlich für Fußgänger als Lauffläche vorgesehen sind, werden einfach zugestellt. Damit ist der Gehweg für Fußgänger, für Eltern mit Kinderwagen, für Mobilitätsbehinderte nicht nutzbar. Im Gegenteil, an manchen Stellen muss man sich an die Hauswand quetschen. Durch die so abgestellten Autos wird überdies die Bausubstanz des Gehweges immer mehr beschädigt, die reguläre Reinigung durch die BSR ehreblich behindert und an manchen Stellen verwahrlost die Straße sichtbar. Die derzeitige Parkordnung trägt also zu einer deutlichen Abwertung des gesamten straßenräumlichen Erscheinungsbild bei. Diese Situation ist unhaltbar un muss dringend verbessert werden. Ich habe mich deshalb entschlossen, das Gehwegparken aufzuheben und stattdessen - genauso wie in der Kastanienallee und auch in den oberen Bereichen der Pappelallee - nur das Längsparaken entlang des Bordes anzuordnen. Ehe Sie sich jetzt aufregen: Natürlich ist mir die Parkraumsituation in Prenzlauer Berg bekannt. Mir ist aber auch bewusst, dass es in einem solch dicht genutzten innerstädtischen Gebiet gar nicht möglich sein kann, möglichst allen einen wohnungsnahen Parkplatz auf der Straße zur Verfügung zu stellen. Es kann daher nur Ziel sein, nur soviel öffentliche Parkplätze aufrecht zu erhalten, wie es die anderen wichtigen Ansprüche (z.B. sicheres Radfahren, angenehmes Zufußgehen, eine aufenthaltsfreundliche Straßenbahnhaltestelle, vekehrssicheres Überqueren, das Be- und Entladen) gerade noch zulassen. In der Abwägung zur Schaffung von mehr Lebensraum für alle Nutzer der Straße und dem Parkdruck komme ich zu der dargestellten Entscheidung und bitte hierfür um Ihr Verständnis. Die Änderung der Parkordnung und die damit einhergehende Reperatur der Gehwegflächen wird im April dieses Jahres durchgeführt. Ich verbleibe mit freundlichen Grüßen Jens-Holger Kirchner All diese Symptome zusammengenommen ist klar, woher der Wind weht: Aus dem alten Westen. Bundesrepublikanische Spießigkeit und Regulierungswut haben den Prenzlauer Berg erreicht. Offenbar hat sich Herr Jens-Holger Kirchner vom Bezirksamt Pankow von der “Unser Dorf soll schöner werden” Kampagne aus dem Jahre 1961 inspirieren lassen. Von Altenvalbert lernen heißt die Situation im Prenzlauer Berg in den Griff bekommen. Auf den beleidigenden Brief, den meine Freundin Conny darauf hin an Jens-Holger Kirchner schrieb, bekam sie folgende Antwort: Sehr geehrte Frau Wiese, das Bürgerschreiben vom 26. März 2008 hat ganz unterschiedliche Reaktionen bei den Anwohnern hervorgerufen. Herr Kirchner möchte aus diesem Grund am 09. April - 19.00 Uhr in der Pappelallee 74 (auf der Grünfläche) ein Bürgergespräch anbieten und Sie dazu einladen. Mit freundlichen Grüßen Anke Pätzold Referentin Bezirksamt Pankow von Berlin Abteilung Öffentliche Ordnung Darßer Str. 203 13088 Berlin Tel : 030/90295-8553 Fax: 030/90295-8537 <mailto:anke.paetzold@ba-pankow.verwalt-berlin.de>
Wir werden da sein, Herr Kirchner. Verlassen Sie sich drauf!
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